AK Asyl Germering



Schicksale - Menschen in Germering

Hamid - Ein Vogel ohne Flügel

„Ich liebe Deutschland und ich liebe Germering, aber ich habe kein Glück in diesem Land“, sagt Hamid. Von Deutschland hatte der 39jährige Mann lange bevor er vor vier Jahren aus Baghdad hierher kam bereits lebendige Vorstellungen. Die Wände seines Jugendzimmers zierten Bilder von Beckenbauer und Paul Breitner, später entdeckte er die deutschen Philosophen, las Nietzsche und Goethe. Insofern ist es kein Zufall, dass er schließlich in Deutschland gelandet ist, nach einer abenteuerlichen Flucht vor den Repressalien des Regimes unter Saddam Hussein, die ihn drei Monate größtenteils zu Fuß durch halb Europa führte. Der große, kräftige Mann wirkt plötzlich sehr verletzlich, als er von seiner Heimat spricht. Seit drei Monaten hat er keinerlei Nachricht von seiner Familie. Das Gefängnis, das sein Land unter dem Diktator für ihn war, hat er eingetauscht gegen ein winziges Zimmer in der Germeringer Asylbewerberunterkunft. Dort wartet er „wie ein Vogel ohne Flügel“ darauf, ein selbstbestimmtes Leben beginnen zu dürfen. Doch daran hindert ihn ein Teufelskreis, der vielen Asylbewerbern zum Verhängnis wird und gegen den schon der „Hauptmann von Köpenick“ ankämpfte: Hamid sucht dringend Arbeit, hat damit aber kein Glück, weil sein Visum nie für länger als einen Monat ausgestellt wird; ein längerfristiges Visum bekäme er wiederum nur, wenn er Arbeit hätte. Stolz zeigt er Fotos von seiner Arbeit bei einem Sicherheitsdienst auf dem Oktoberfest vor drei Jahren. Dafür hat er eigens eine – wie er betont, selbstfinanzierte - Ausbildung gemacht. Hamid hält sich körperlich und geistig fit, trainiert täglich mindestens zwei Stunden Judo und war drei Jahre lang Kapitän einer irakischen Fußballmannschaft in München. Über den TSV Unterpfaffenhofen Germering hat er viele Kontakte, durch die auch das Zugehörigkeitsgefühl zu seiner neuen Heimat wächst. Überhaupt, so sagt er, hat er nur gute Erfahrungen mit den Menschen hier gemacht. Die Angestellten in der Unterkunft helfen, wo sie können. Nur manchmal wünscht er sich mehr Verständnis für die reiche Kultur, die auch seine Heimat zu bieten hat, und trifft doch meist nur auf Assoziationen mit Terror und Radikalismus. „Die Welt kann nur besser werden durch Menschen mit positiven Träumen.“ Immer wieder kommt er auf dieses Credo des Theologen Rainer Haak zurück. Und so hält er sich fest an seinen Träumen von einer besseren Zukunft - mögen sie nur endlich wahr werden.

Firas

Er heißt Firas und ist erst siebzehn Jahre alt. Schüchtern reicht mir der schmale Junge die Hand zur Begrüßung. Firas kommt aus dem Irak, aus einer kleinen Stadt nahe Mosul im Norden, seine Familie gehört zur kurdischen Minderheit der Yeziden. Die Yeziden sind einer doppelten Verfolgung ausgesetzt: zum einen ethnisch als Kurden und zum anderen religiös, weil sie in den Augen fundamentalistischer Muslime als „Ungläubige“ gelten. Stockend und zögerlich erzählt Firas, dass er und sein Cousin als einzige Familienmitglieder Arbeit hatten, in einem Hotel, in dem amerikanische Soldaten untergebracht waren. Für dieses „Paktieren“ mit den Feinden wurde der Cousin ermordet, und Firas, gerade mal sechzehn Jahre alt, musste fliehen. Seit seiner Flucht vor einem Jahr und vier Monaten hat er keinen Kontakt zu seiner Familie, er weiß nicht, wie es seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern geht, ob sie am Leben sind. Sein größter Wunsch sei eine Arbeitsstelle, sagt er, egal was, nur arbeiten will er. Die vierzig Euro monatliches Taschengeld reichen kaum für das Nötigste. Über drei Monate wartet er nun schon auf eine Arbeitsgenehmigung und wird immer wieder vertröstet. Doch wenn man ihm so zuhört, wird klar, was dieser Junge eigentlich braucht: Eine Familie, die ihm Halt gibt. Wie sollte er nicht von seiner Lebenssituation überfordert sein, noch nicht erwachsen und ganz auf sich gestellt, in einer völlig fremden Welt? Sein einziger fester Programmpunkt ist der nachmittägliche Deutschkurs in München. Sonst sitzt er in seinem Zimmer in der Unterkunft, liest ein bisschen oder sieht gemeinsam mit anderen irakischen Jugendlichen fern. Unter ihnen, sagt er, spielen zumindest die religiösen Unterschiede keine Rolle. Aber die Eltern können sie ihm nicht ersetzen.

Verfasser: Maria Hochsieder erschienen in der Süddeutschen Zeitung im Winter 2006/07
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